Lesestoff: »Die Rekonstruktion des Menschen«


Verlag »Das neue Berlin« 1982, 2. Auflage

Phantastische Geschichten

Elf Geschichten phantastisch ja, aber nicht außergewöhnlich. Bei den berühmtesten Vertretern, in der ersten Geschichte von Stanislaw Lem und in der letzten Geschichte der Gebrüder Strugazki würde ich sogar von »Verarschung« sprechen, einfach nur eine Aneinanderreihung von geblubber.

»Die Rekonstruktion« von Andrzej Czechowski war pointiert und viel durch ihre Kürze auf.

»Die Probe« von Janusz A. Zajdel gefiel mir durch den Spannungsbogen, schon eher wie ein Krimi angelegt. Das Ende der Geschichte und die Lösung des Problems etwas brachial.

In »Ruf der Milchstraße« von Wiktor Żwikiewicz wird das Mit- und Gegeneinander von Mensch und menschenähnlichen Wesen thematisiert. Bevor das Ende des Erzählers gekommen ist, stellt er noch eine philosophische Frage, die er im Fieber diktiert:

»In unserem Jahrhundert hat die Wissenschaft eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht, und manchmal will es scheinen, als sei sie in der Tat allmächtig. Stellen wir uns einmal vor, es sei ein künstliches Hirn geschaffen worden, doppelt so leistungsfähig wie das menschliche Hirn, doppelt so funktionstüchtig. Kann sich ein Wesen ausgestattet mit diesem Hirn, mit vollem Recht für einen Menschen halten? Was macht uns denn wirklich zu dem, was wir sind?«

Noch ein Wort zu den Abbildungen, einfach nur schrecklich, nichts sagende Schmierereien in Öl getauchter Farben auf schwarz-weiß reduziert. Schade um die Druckerschwärze und das Papier!

Lesestoff: Phantastik


Lange stand es im Bücherregal und ich habe es wegen der Vielzahl an Neuerscheinungen nie angelesen. Nun 40 Jahre später ist die Zukunft schon Realität und Zeit für eine Überprüfung! Der Grund sind zwei Jahreszahlen, zu denen sich die Autoren haben hinreißen lassen. In einer Geschichte wird das Jahr 2013 genannt und in einer anderen das Jahr 2023. Ich stecke jetzt also mitten in der Zukunft, denn wir schreiben das Jahr 2021.

Ich hab mich wirklich schwer getan, aber wenn ich ein Buch anfange lese ich es auch zu Ende (Ausnahmen bestätigen die Regel). Denn ich könnte ja einen wichtigen Satz und wenn es nur einer ist, verpassen!

Das Buch ist eine Sammlung von drei Autoren, wobei die erste Geschichte aus dem Jahr 1963 wirklich die schlechteste ist, oberflächlich und ohne eine mitreißende Idee. Das einzig interessante ist die Bezeichnung für einen Gebrauchsgegenstand den wir heute »Smartphone« nennen. Die Autoren haben es 1979 als »Televiofon, Televisiofon oder Videofon« bezeichnet. Ein guter Grund auf Wikipedia mal nachzusehen, wann das erste gebrauchsfähige Smartphone allgemein im Gebrauch war. Man muß es so um das Jahr 2005 einordnen. Vorher gab es schon reichlich Mobiltelefone, aber eben ohne Videofunktion. Bemerkenswert auch eine literarische Erfindung von Erich Kästner aus dem Jahr 2016 und damals wirklich Phantastik, die gewählten Worte schon fast hellseherisch gegenwärtig. Mehr dazu auf

https://de.wikipedia.org/wiki/Mobiltelefon

Und noch etwas hat mich die ganze Geschichte hindurch irritiert. Der Hauptheld der Geschichte heißt »Dar Weter« (1963) und ich habe immer wieder »Darth Vader« (1977) gelesen bzw. schoss es mir beim Lesen so durch den Kopf, zumindest eine phonetisch interessante Verwechslung und Irritation :-) Es bleibt die spannende Frage, ob George Lucas diese langweilige Geschichte jemals gelesen und ihn der Name des Haupthelden zu dem viel bekannteren Namen in seiner Saga inspiriert hat?

Weiter mit dem zweiten Autor Sewer Gansowski, er hat schon interessantere Ideen umgesetzt. Besonders gefallen hat mir die extreme Verlangsamung aller Abläufe gefallen die nahe an der Geschwindigkeit Null lagen, wovon der Held der Geschichte und ein zweiter eher »Antiheld« ausgenommen waren. Eine wirklich interessante Sicht auf das menschliche Handeln.

Brutal auch eine zweite Geschichte, in der Menschen auf der Straße gnadenlos und ohne gefragt zu werden, zu Versuchskaninchen im wahrsten Sinne des Wortes missbraucht werden. Es erinnert mich an das ungefragte Abgreifen von Daten aus den von uns verwendeten Computern oder die Belästigungen mit unerwünschter Werbung. In der Geschichte von 1979, wie heute ein unethisches, verabscheungswürdiges Verhalten.

Die Geschichten des dritten Autors, Dimitri Bilenkin, waren meist kürzer, jede für sich hat einen interessanten Aspekt, meist auch psychologischer Art berührt. aus heutiger Sicht sehr aktuell die Technikgläubigkeit. In einer der Geschichten wird ein intelligentes Haus beschrieben, das mitdenkt und wenn man so will Gedanken lesen kann, bis die Interpretationen nicht mehr synchron zu den Überlegungen der Besucher im Haus verlaufen und das Haus zu einer Falle wird. Ich muss unwillkürlich an den Hype der künstlichen Intelligenz denken, die ich immer noch auf Muster- und Bilderkennung reduzieren möchte. Allein auf diesem Gebiet gibt es jetzt schon dramatische Fehleinschätzungen und -urteile. Insofern berühren diese phantastischen Geschichten doch schon recht gut die heutige Realität.

Gnadenlos versagt haben die Geschichten, die sich auf eine Besiedlung des Mars eingelassen haben. Von touristischen Reisen und der neuen Vegetation auf dem Mars ist noch nicht viel zu sehen. Die ersten Automaten sind zwar schon unterwegs, aber die letzte Rakete, die einmal Menschen dort hin bringen soll, hat den Landetest vor ein paar Wochen nicht überstanden. Menschen auf dem Mars sicher, aber nicht in dem phantastischen Zeitraum von 40 Jahren (Buchdruck bis heute). Gut zu sehen das unsere Prognosen in Sachen Fortschritt immer noch der Realität hinterher hinken.

Damit übergebe ich das Buch der Mülltonne, denn das Papier ist so billig, das es ein Wunder ist, dass das Buch vom Druck bis heute (also die Zukunft) lesbar geblieben ist.

Vielleicht ist ja doch noch jemand neugierig geworden das Buch ist 1979 in erster Auflage auf Deutsch erschienen:

im Verlag Volk und Welt